Mai 2021

Aber das Zählen in den geraden Takten geht mit der Zeit ein bisschen besser. Die punktierten Noten im so gut wie jedem dritten Takt fallen mir dagegen noch schwer. Noch schwieriger ist es beim Zählen die Melodie dazu zu spielen. Kleine Erschwernisse kommen hinzu: in der ersten Variante soll ich den Akkord auf die Eins spielen. Zweite Variante: dreimal Akkord im Viertel. Dritte: gebrochener Dreiklang. Vierte: erst der Basston und dann die zwei anderen, das hört sich Walzerartig an. Fünfte und schwerste Variante: durchgängig Achtel im Takt spielen.

Mußte meinen klassischen Klavierlehrer als Nachhilfelehrer in dieser Hinsicht einspannen. Er weiß ja auch, das das Thema Rhythmus ein schwieriges für mich ist. Er hört sich an, was ich von der ganzen Zählerei umsetzen kann und schlägt vor, das ich die „Unds“ in den Takten nicht mitzähle, nur an der punktierten Note. Damit vereinfache ich das Ganze etwas und zu meiner unendlich großen Freude kann ich es am nächsten Tag alleine auch noch abrufen.

Wir halten eine tolle Doppelstunde bei ihm zuhause ab. Als erstes habe ich Unterricht bei seiner Frau an der Flöte. Ich habe in den drei Monaten ohne Unterricht nur eine einzige Note verkehrt gelernt. Sie sagt mein Klang hätte sich verbessert und ist nicht mehr ganz so luftig. Bin darüber sehr froh, denn dieses „ins Blaue“ hinein üben, als Anfänger, war nicht so einfach.

ACH.KlavierMein Klavierpädagoge spielt mir als kleinen Appetizer ein Stück vor. Ich muß raten, von wem es sein könnte. Ich habe Bach, Mozart, Mendelssohn, Schubert und Schumann ausschließen können. Ich habe einen Russen vermutet: es war Rachmaninow. Auch er erarbeitet sich von Zeit zu Zeit etwas Neues, was er noch nicht kennt, um im Lernprozess zu bleiben. Versucht sich selber Anreize zu setzen, was auch in diesen turbulenten Zeiten nicht verkehrt ist.
Kabalewsky und Schumann werden am akustischen Klavier etwas feingetunt. Die Noten sind schon besser abrufbar. Im Zweifel, liebe Claudia, immer ruhig bleiben! Beim Kabalewsky gerate ich in die nächste und übernächste Oktave außerhalb der Systeme und finde mich noch dort nicht so zurecht. Meine Finger wissen aber das die letzte Note rechts ein A ist. Zum Abschluss werden noch ein paar schräge Akkorde, für mich etwas unmotiviert, draufgesetzt.

Habe das befriedigende Gefühl das ich im Klavierspielen und -üben ganz langsam wieder ankomme.

Weil die Temperaturen steigen, gehen die Flöte und ich wieder öfters zum Üben raus an die frische Luft. Das tut mir sehr gut. Vielleicht kann ich meine düstere Stimmung in den vergangenen Monaten auf die häusliche Zurückgezogenheit und das fehlende UV-Licht zurückführen.

Ich habe wieder mal einen Arbeitsmarathon hinter mir. Sehr viele Tage durchgearbeitet, so gut wie jeden zweiten einen Abenddienst in dieser Zeit. Habe Schwierigkeiten mich zu konzentrieren. Nasenbluten fängt wieder an und das eine Ohr läßt nur wattige Töne durch. Ich sage einmal kurzfristig den klassischen Klavierunterricht ab. Will nur daheim sitzen, ganz still, nicht reden müssen und die Wand anschauen.

Die Bibliotheken haben auch wieder geöffnet. Bringe die Bücher, die ich Anfang Dezember (!) ausgeliehen habe, in den Gasteig zurück. Hole mir neue über Metrik, sie haben eine CD für den Laptop dabei und man kann mit ihnen üben. Hoffe, es gelingt mir regelmäßig mit ihnen zu arbeiten.
Ich laufe in der Stadt herum. Es sind kaum Touristen unterwegs, die meisten Menschen arbeiten von zuhause aus. Die Straßen sind leer. Die Bäume fangen an zu blühen, zarte hellgrüne Wolken hängen in den Ästen. Es ist wunderschön und ruhig. Meine Stadt! Es scheint fast so als wenn sie mir ganz alleine gehört. Ich gehe in ein paar Geschäfte und hinterlasse Telefonnummer und Name für den Fall der Fälle. Verspüre aber keine Sorge.

An der Residenz stehen sieben Musiker. 2 Celli, zwei Geigen, ein Klavier, ein Kontrabass und eine Querflöte. Sie spielen klassische Musik. Sieben echte Musiker gestalten echte, wahrhaftige Musik! Das hat das vorbeigehende Publikum geflasht. Die Leute haben sich auf die Musik eingelassen, waren still und wirkten dabei fast wie benommen. Ich habe in keinster Weise damit gerechnet, das mich das Zuhören so bewegen würde und gleichzeitig so dankbar macht. Überlegte wie lange ich schon kein Konzert mehr gehört habe. Wie lange ich schon nicht mehr gesungen habe? Ob ich jemals wieder singen oder ein Konzert hören werde? Wie es diesen Musikern wohl in all den Monaten ergangen ist, die nun mit soviel Freude für uns Passanten auf der Straße spielen?
Ich mußte weinen, und es war mir total egal ob man das sehen kann oder nicht. Der dumme Mundschutz hat die Tränen sowieso aufgefangen. Nase putzen gestaltet sich allerdings als etwas schwierig in solch einer Situation.

Mein Obulus an die Musiker geht in den Kontrabasskoffer. Ich bin erfreut, das die anderen Zuhörer auch großzügig waren.

 

Die Zahlen steigen wieder. Erneut ist der Instrumentalunterricht nicht mehr erlaubt. Ich muß also wieder alleine vor mich hinwurschteln. F***.

 

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