November 2020

Ich bin ganz verliebt in den kleinen Schäfer. Natürlich ist das Stück viiiiel zu schwer für mich. Es ist in A-dur geschrieben. Ein Fis, ein Gis und ein Cis gilt es zu beachten. Und zusätzlich viele Kreuze im Rest, ich sitz zwischendrin immer mal da und muß überlegen, ist die Note nun um einen Halbton erhöht oder nicht. Ich kann das nie so schnell im Vorübergehen erfassen. Und wenn ein Ton nun eh schon erhöht ist und dann nochmal erhöht wird, dann ist das eine Doppelerhöhung. Es gibt ein Fisis auf der zweiten Seite. Oder wenn das Gis erniedrigt wird stolpere ich vom Fis vor lauter Schreck dann aufs G und das hört sich dann sehr ungewöhnlich für meine Ohren an. Ist das dann nun das sogenannte Zigeunermoll? Eine sehr interessante Tonleiter. Manchmal hört es sich wirklich leicht arabisch anmutend an. Zwischendrin moduliert es sich zu einem E-dur, da taucht dann ein Dis auch noch auf.
Das ist mal ein Stück, wo ich am liebsten mit Bleistift die Note hinschreiben möchte, um mir selbst das Lernen zu erleichtern. Muß mich zwingen es nicht zu tun, die Ohren hören ja, wenn es verkehrt ist.

Ich habe über Debussy gelesen das er nicht zur Schule ging, sondern von seiner Mutter unterrichtet worden ist. Er wäre ursprünglich auch gerne Maler geworden. Meiner Meinung nach wurde er am Ende aber doch einer, er hat zwar nicht mit Farben gemalt, dafür mit Tönen. Er verwendete in seinen Werken oft Ganztonleitern, das war sehr ungewöhnlich zu seiner Zeit.

Rhythmisch ist „The little shepherd“ nicht ganz trivial. Sehr viele Triolen und punktierte Noten müssen zusätzlich beachtet werden. Wird von mir wie immer sehr „über-den-Daumen-gepeilt“ interpretiert.
Ist ja nicht meine Auswahl gewesen, vielleicht ist es noch etwas zu anspruchsvoll für mich. Habe nachgelesen, nach Einstufung von Henle wird es mit Schwierigkeitgrad 4 bezeichnet.

Deshalb habe ich mir aus dem Krenzlin das nächste Stück ausgesucht, ein kleines einfaches Stück von Mozart. Es heißt schlicht „Ballet“, ist nur eine Seite lang und ich glaube ich schaffe das. Beginne nun mein erstes Stück von Mozart zu lernen. Hurra. Scheint im Vergleich zum Debussy recht easy zu sein. Ich brauche etwas einfacheres um nicht ganz über meine Schwerfälligkeit zu verzweifeln.

 

 

Es ergibt sich zur Zeit eine Schwierigkeit: der klassische Klavierunterricht kollidiert massiv mit dem Jazzklavierunterricht. In dem Blues gibt es Akkordfolgen die dem Shepherd sehr ähneln. Zwar nur ähneln, aber mit meiner bekannten Unkonzentriertheit verwechsle ich deswegen oft die Tasten. Aus einem E wird ein Es, das C zum Cis, und ich komme dabei wirklich immer durcheinander. Das Fis wird zum G und der Rhythmus bricht mir das Genick. Puh.

 

FireShot Capture 068"The little Shepherd" geht nicht sofort in Ohr hinein, es ist wie schon geschrieben sehr ungewöhnlich. Mein Klavierlehrer erzählt mir dazu seine Assoziationen, die mir fast wie eine Landschaftsbeschreibung scheinen. Ich kann ihm folgen und sehe den Schäfer bei seiner Arbeit, spüre die Ruhe und die Einsamkeit. Bin beim gelegentlichen Aufbrechen dabei, um langsam einen neuen Weidegrund für die Tiere zu finden.

Wir halten Klavierunterricht im Musikzimmer in seinem Elternhaus ab. Ja, es scheint wieder notwendig zu sein den Sicherheitsabstand einhalten zu müssen. Die Zahlen mit Coronainfektionen schnellen in die Höhe. Das war erwartbar und ist auch schon im Frühjahr prophezeit worden.
Sehr sicher ist, das mein Bruder nicht zu Weihnachten aus den USA einreisen kann.

In meiner Arbeit müssen die selber genähten Masken durch FFP2 Masken ersetzt werden. Das wird streng überwacht. Anfangs dachte ich, ich gewöhne mich nie an die harten Dinger, inzwischen finde ich sie aber nicht mehr schlimm. Sie sind im Nasen-Mundbereich tatsächlich angenehmer zu tragen, weil dieser sensible Bereich dabei keinen Kontakt zum Material hat.

 

Im Jazzklavierunterricht hatte ich mir natürlich die Rhythmusübungen nicht korrekt gemerkt gehabt. Mir dämmerte so was schon, als ich meinem klassischen Klavierlehrer demonstrierte was ich in Erinnerung hatte. Er war mehr als verwirrt, weil ich darauf bestanden habe das sie genau so richtig gewesen wären. Echt peinlich. Hatte sie meinem Mann ja auch noch falsch beigebracht.
Nun habe ich sie mit meinem Telefon gefilmt und kann sie jederzeit zur Kontrolle noch mal ansehen.
Trotz dieser Hilfestellung verschlafe ich weiterhin den Einsatz der dummen Achtelnote. Ich habe sie einfach nicht im Gefühl.

Ich bin froh das der neue Dozent seine Nerven nicht mit mir verliert. Er versucht sehr mich zu motivieren, ist ganz enthusiastisch, wenn es einmal aus Versehen funktioniert hat. Er hat so eine Art lustige „Band-Sprechweise“ drauf. Viel mit „Yeah“ und „Alles gut“. Beim "alles gut" werde ich fast wahnsinnig. In mir schreit es jedesmal: „Alles IST gut“. IST! IST! IST!

Blöderweise absorbiert mich das Richtigstellen im Geist und lenkt mich vom eigentlichen Geschehen ab und ist deshalb unnötig und überflüssig.

 

Ansonsten ist er aber wirklich lieb zu mir. Einmal sollte ich irgendwas am Klavier ausprobieren, und ich denk mir noch so: „Meine Güte, hört sich das wieder lahm und blutleer an, was ich da grad spiele!“ Im gleichen Moment sagt er zu mir: „Ach Claudia! Versuch´s doch mal mit etwas mehr Zuversicht.“ Mir ist schon klar, das ich in dieser Hinsicht häufig sehr durchsichtig bin und es bestimmt nicht sonderlich schwierig ist in mir zu lesen. Das ist mir nicht recht und ich fühle mich in solchen Momenten immer sehr ausgeliefert. Irgendwie scheine ich das aber nicht ändern zu können und es wäre gut wenn ich das ganz neutral annehmen könnte.

Am Ende war ich etwas gerührt, das der junge Mann ungleich viel wertschätzendere Worte für mich gefunden hat, als ich sie mir selber zugestanden habe.

 

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