Juli 2020

So. Nun gilt es endgültig Abschied nehmen von meinem Piano Dozenten. Er verlässt die Jazzschule um ein Studium aufzunehmen, das nicht im Entferntesten mit dem zu tun hat, was er die letzten Jahre hier gemacht hat.

Er hat realisiert das es äußerst schwierig ist, sich als Lehrer, Dozent und Musiker ein passables Auskommen zu erwirtschaften. Er ist noch jung, sicher wird er eines Tages eine Familie haben, eine schöne Wohnung einrichten oder auf Reisen gehen wollen. Dafür sind in der Zukunft stabile finanzielle Sicherheiten notwendig. Und die kann er für sich in diesem Beruf nicht ausmachen. Ich wurde von seiner Neuorientierung schon vor einigen Monaten informiert und das war eine geraume Zeit vor dem Corona Ausbruch. Der anschließende Lockdown und die schlimmen Einschränkungen die gerade Künstler und Musiker in dieser Zeit erleben mußten, wird ihn in seiner Entscheidung sicherlich weiter bestärkt haben.

 

Es hat mir fast das Herz gebrochen als er mir diese Entwicklung mitgeteilt hat. Ich finde, er ist ein so talentierter und vielseitiger Musiker. Wie schmerzhaft muß es sein, wenn man selbst erkennt, das diese kostbare und seltene Begabung nicht ausreicht um die Lebensführung einigermaßen angenehm zu gestalten. Da kann nur eine sehr schwere und langwierige Entscheidungsphase voraus gegangen sein. Wieviele Überlegungen wird er mit sich selbst in dunklen Stunden ausgemacht haben? Wieviele Gespräche und Überlegungen mögen sich wohl mit Freunden und Familie um dieses Thema gedreht haben?

Aber ich kann sie nachvollziehen. Nicht nur als eine Schülerin, da bin ich ja nur eine einzelne und unbedeutende von vielen anderen. Sondern auch als erwachsener Mensch und Mutter von zwei Kindern, die in einem ähnlichen Alter sind wie er.

Was er wohl als Musiklehrer für sein Leben gelernt hat? Kann ich schlecht einschätzen, er ist sehr zurückhaltend. Bestimmt aber hat es ihn immer wieder aus seiner Komfortzone herausgelockt. Kommunikation ist in diesem besonderen Lehrer-Schülerverhältnis entscheidend. Mein Eindruck von ihm beim allerersten Zusammentreffen vor der ersten Unterrichtsstunde: Gütiger Himmel! Was für eine zerbrechliche Aura umgibt diesen Menschen? Wie kann man so jemanden nur vor dem Lebensunbill schützen?


Trotzdem war ich häufig beeindruckt von seiner Selbstsicherheit, die vielleicht nur ein 24-jähriger Junge haben kann. Hatte ihn mal gefragt ob er singen kann. „Selbstverständlich kann ich singen!“ Ob er theoretisch eine Laute spielen könne? „Natürlich! Muss sie nur anders stimmen, dann geht das.“ Gehörbildung, Theorie und Rhythmik, dies alles ist tief und sicher trotz seiner jungen Jahre in ihm verankert. Beim Kennenlernen wollte ich wissen, warum ich einen Gitarristen als Klavierlehrer bekomme: „ Weil ich gut Klavier spielen kann!“ So einfach kann es sein. Ich wünschte mir, ich könnte auch so selbstbewußt auftreten.


War wieder etwas am Zweifeln, ob ich ihn nicht um eine Art Bilanz oder ein Feedback von unserem Unterrichtsverlauf bitten sollte. Habe aber ehrlich ein bisschen Angst das ihm am Ende nicht viel Positives für mich einfällt.
Dann denke ich auch, meist hat man ja zum Ende eher keine Lust mehr sich mit dem Vergangenen zu beschäftigen. Man steht in den Startlöchern vor der großen Veränderung, vor dem spannenden Neuen und dem Wagnis des Unbekannten. Ist doch so ähnlich, wie wenn man aus einer Wohnung auszieht und keine Lust mehr hat die Wände als Renovierungsmaßnahme zu streichen, weil sie einem ja nicht mehr gehört.

 

IRGS2Für unsere, jetzt unwiderruflich allerletzte `letzte´ Stunde habe ich mir nichts von meinem Dozenten gewünscht. Hab ihn gefragt, ob ihm denn meine Bescheidenheit aufgefallen wäre? Meine Erkenntnis: jedesmal, wenn ich mir von ihm in der letzten Stunde etwas erbeten habe, hatte er mich im nächsten Schuljahr wieder am Hals. Und ich ihn!  ;-)  Deshalb wollte ich diesmal nicht das Schicksal erneut gegen ihn herausfordern.

Trotzdem hat es noch eine Art unerwartetes Abschiedsgeschenk von ihm an mich gegeben. Das Trio in dem er spielt, gab ein kleines Gartenkonzert zu dem ich eingeladen wurde. Eine charismatische Sängerin mit warmer Stimme wird links und rechts von zwei Gitarren begleitet. Die rechte ist ein wenig ein Kasperlkopf und hat sich dynamisch in den Vordergrund gedrängt, die linke war der ruhige und intellektuelle Teil. Keine Frage was mir besser gefallen hat. Aber, ich bitte um Verzeihung, da bin ich möglicherweise nicht ganz objektiv.
Diese Einladung hat mich sehr gefreut, denn es war das erste Mal, das ich ihn als Musiker und nicht als Dozent erlebt habe. Ein schönes und geglücktes Konzert an einem wunderbaren Abend in einem großen privaten Garten. Die drei Musiker stehen sich nahe und agieren äußerst entspannt miteinander. Das kann man an den Blicken, Lächeln und Gesten mit welchen sie sich untereinander verständigen, gut beobachten
Das erschien mir als ein sehr gelungenes und abgerundetes Ende unserer Zusammenarbeit und hat mich wirklich glücklich gemacht.

 

Aber ein Abschied ist ein Abschied und dieses Mal wird es unumkehrbar ein endgültiger sein. Deshalb fühle ich mich grade etwas wehmütig.

Sollte ich in Zukunft an der Jazzschule weiter Unterricht nehmen (Vorausgesetzt ich gebe nicht auf!), werden sich für mich sicher beim Blick zurück in die Vergangenheit die Erinnerungen an Dozenten Nr. 3, 4 oder 5 ein wenig vermischen.

Der erste allerdings, der wird etwas besonderes bleiben. Das ist doch immer so.

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