Januar 2020

Das Buch „Effortless Mastery“ lese ich auf Englisch, es ist noch nicht ins Deutsche übersetzt. Es birgt natürlich gehörigen amerikanischen Pathos. Weil ich das überlesen kann, treffe ich auf viele Erkenntnisse, bei denen ich mich erkannt fühle. Er beschreibt wie es möglich ist, die Ablenkungen und Selbstzweifel zu überwinden die einen hindern sich auf die Musik, das Üben und das Spielen einzulassen. Kenny Werner wird fast ein wenig spirituell, dabei aber nicht unangenehm. Ein schöner Satz aus einer Rezesion zu seinem Buch:
"Sich von den Denkgewohnheiten des Verstandes zu lösen, verbindet einen mit seinem Herzen und seinem wahren Intellekt."

Einerseits ist es gut zu erfahren, das auch Profis Bühnenängste und Einschränkungen beim Instrumentenspiel haben. Andererseits sind sie halt Profis und ich erst Anfänger. In mir ist keinerlei Streben zu erkennen das ich jemals vor einem Publikum stehen werde um Musik zu machen.

Ich habe das Buch auch gekauft, werde es bis zu Ende lesen. Die ausgeliehenen Bibliotheksbücher bringe ich in den Gasteig zurück und werde mir vorerst keine weiteren mehr ausleihen. Das vage Erfassen vom Inhalt der vielen unterschiedlichen Bücher setzt mich zeitlich unter Druck. Bin hinterher immer enttäuscht von mir wenn ich kaum reingelesen habe.
Besser ist es wenn ich in dieser Zeit am Klavier sitze und übe.

 

tania melnyczuk th8z5e2JhDU unsplashMein klassischer Klavierpädagoge zieht die Daumenschrauben an! Ich soll nicht mehr so vor dem Klavier herum lümmeln. Gerader Rücken und, bitte doch sehr darum, die Tasten fester drücken. Mit Hilfe vom Armeinsatz auf die Tasten runterfallen. Erschrecke immer wenn ich so laut in die Tasten hauen muß. Besonders wenn ich auf seinem Flügel spiele.
Nachdem ich mit dem Pedaleinsatz von beiden noch ein wenig geschont werde, verschränke ich die Beine und kann sie sehr gemütlich unten auf dem Absatz an meinem Piano ablegen. (Das funktioniert im Übungsraum in der Jazzschule auch ganz gut, weil dort an dem akustischen Klavier unten die Verblendung abmontiert wurde. Dann klingt es lauter, sollten mehrere Instrumente bei einer Session zusammenspielen.) Beide Füße nun also feste auf den Boden stellen.
Ich muss bei Unterrichtsbeginn immer prima vista was Leichtes und Unbekanntes spielen. Macht mir meist auch Spaß. Nun zieht er zusätzlich die alten abgelegten Stücke wieder hervor, die ich mehr oder weniger mal konnte. Das habe ich kapiert und übe heimlich immer wieder was von den ersten Stücken, damit ich nicht so ganz armselig erneut über die Noten stolpern muss. Das Heft mit der Beethoven Romanze habe ich unauffällig zugeklappt und ganz unten in den Stapel mit meinen vielen anderen Heften versteckt. Hehehe! Das ist ihm bisher nicht aufgefallen und er hat sie noch nicht vermisst. Möglicherweise hat er im Stillen aber auch erkannt, das die Romanze eh noch zu schwer für mich ist und sagt deswegen nichts.

 

Ich übe nun ein kleines Stück aus dem Album für die Jugend von Schumann: „Armes Waisenkind“. Könnte sein das es leichter ist als der Beethoven. Bin erst bei Takt 16 und tue mir bisher noch nicht so schwer.

 

Da gibt es einen kleinen Fingerwechsel an dem diffdelt er ganz schön rum mit mir. Ich soll zwei Töne auf einmal anschlagen, dann einen Finger lösen, mit nächstem Finger auf die andere Taste drücken, dabei den ersten Finger liegenlassen was meiner Hand sehr schwer fällt. Dann die zwei Finger lösen und nun erst die nächste Note. Da klingt die Harmonie sehr viel weicher und musikalischer als wenn ich alle drei Töne einzeln nacheinander anschlage. Ich kann den Unterschied sehr wohl hören, an der Umsetzung hapert es etwas. Wenn ich es isoliert mache geht es einigermaßen. Wenn die linke Hand auch spielt wird es schon mal schwieriger. Und wenn ich das Stück von Anfang bis zu dieser Stelle spiele, habe ich schon wieder vergessen wie das mit dem Fingerwechsel noch mal genau war. Es holpert noch gehörig.

 

Mein Klavierpädagoge entschuldigt sich dann meist sehr liebenswürdig und charmant, weil er so lästig mit mir sein muss. Dabei finde ich das gar nicht schlimm.

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