Juli 2021

dieZahlen1Dieses unruhige, so häufig unterbrochene Schuljahr neigt sich dem Ende zu. Am liebsten würde ich es aus meinem Gedächtnis löschen. Der intervallartige Unterricht, das mühsame Üben für mich alleine, der durch die Umstände erzwungene unregelmäßige Input meiner Dozente haben mich nicht besonders glücklich gemacht. Ich weiß ja, es ging allen Schülern so. Besonders die Schulkinder haben unter dieser speziellen Situation sehr gelitten. Aber ich schreibe hier nun mal in dem Klavierblog für Beginner und/oder Anfänger und da gehört diese persönliche Anmerkung einfach dazu. Das Dilemma in dem sich die Lehrer und Dozenten befunden haben, sollte auch nicht unerwähnt bleiben. Bei ihnen hängt ja vom Unterrichten zum großen Teil die Existenzgrundlage ab.

Mit meinem klassischen Klavierlehrer betrachten wir den Kabalewsky und den Schumann als beendet. Er will im Herbst mit etwas Neuem anfangen. Ob ich Wünsche hätte? Hab ganz leise „Bach“ vor mich hingemurmelt. Schnell hat er aus dem Krenzlin zwei kleine Präludien herausgesucht. Ich als alter Feigling wähle das kürzere aus. Sightreading geht gar nicht so schlecht. Ich kenne es zwar nicht, aber man erkennt den Bach darin sofort. Es hört sich wunderschön an wenn mein Lehrer es spielt. In den Sommerferien soll ich mich eigenständig damit befassen.
In den letzten Stunden versucht er meine Finger so zu erziehen, das sie nicht immer auf den Tasten „kleben“ bleiben. Da schaut er schon sehr genau hin und macht mich beharrlich drauf aufmerksam. Bei der Kabalewsky Etüde geht das sehr gut, weil die Töne wie das Rauf- und Runterstampfen einer Nähmaschine klingen sollen.
Der Jazzpianodozent bemerkt und bemängelt das ebenso. Ich habe den Fehler begangen jedem zu erzählen, das dem anderen das ebenso aufgefallen ist. Nun sind in dieser Hinsicht beide recht lästig beim Austreiben dieser Angewohnheit.
Insgeheim ist mir schon klar warum ich das so gerne mache. Erstens muß ich oft überlegen: "Hmh? Wie geht es noch mal weiter im Stück?" Und dann lass ich den Finger sicherheitshalber auf der Taste liegen. Das ist das Klebenbleiben. Zweitens habe ich das mit dem Pedal immer noch nicht so drauf und versuche unbewußt ein wenig Klangfülle mit dem Liegenlassen zu erzeugen.

Mein klassischer Klavierlehrer kommt nun abwechselnd jede zweite Woche zu mir in meine Wohnung. In der anderen fahre ich zu ihm in sein Haus und erhalte auch noch eine Flötenstunde bei seiner Frau. Das ist dann eine Doppelstunde der anderen Art. Anstrengend aber sehr beglückend.
Die Flöte macht mir immer noch viel Spaß und ich schaffe es auch mir regelmäßig Übungszeit dafür herzunehmen.
In seinem Haus übe ich an einem alten Bechsteinklavier. Es hat Elfenbeintasten, ganz vergilbt schon, mit einer feinen Maserung und einer sehr klaren, nahezu kristallinen Klangfülle. Für mich ist es fast zu laut.
Bei mir daheim führen wir gelegentlich eine kleine Diskussion über die Lautstärke von meinem elektronischen Digitalpiano. Ich spiele fast ausschließlich mit Kopfhörer und wenn ohne, dann gerne recht leise. (Ich habe einen kleinen Hörschaden erlitten als ich mal in den späten Achtzigern auf einem HipHop-Konzert war.)
Das Leisestellen findet mein Klavierlehrer nicht so gut und so verhandeln wir in der Stunde immer wieder aufs Neue die Lautstärke.

dieZahlenVor kurzem kam ich zeitlich äußerst knapp vor unserem Unterricht nach Hause. Die Arbeitssituation! Kein weiterer Kommentar dazu!
Ohne Essen und die Möglichkeit von der Arbeit ein wenig runter zuschalten sind meine Nerven äußerst angespannt. War unkonzentriert und nervös. Das ist eine Situation die ich als sehr unangenehm für uns beide empfinde. War so nervös in der Stunde das ich mich danach fast geschämt habe. Der Lehrer bleibt wie immer gelassen und versucht mich zu beruhigen und abzulenken. Ich hatte aber nach dem Unterricht ein so schlechtes Gewissen wegen meinem Verhalten, das ich mich am liebsten bei ihm entschuldigt hätte.

Der Jazzpianodozent hat seine Prüfung zum Ensembleleiter bestanden, (Was mich nicht überrascht hat) und beginnt im kommenden Jahr das pädagogische Aufbaujahr. Das heißt das er mir erhalten bleibt. (Was ich schön finde) Ich überlege so für mich, ob ich die Doppelstunden beibehalten sollte. (Was ziemlich verrückt wäre) Aber der Jazzunterricht ist so komplex, die Unterrichtszeit verfliegt so schnell und ich brauche immer eine Weile bis ich mich auf ihn und den Unterricht einschwingen kann. Obwohl das mit ihm recht einfach geht, denn er wirkt wie ein nahbarer Mensch. Diese schöne Eigenschaft teilt er mit meinem klassischen Klavierlehrer.
Ich muß mir das Ganze nochmal durchrechnen, ob es neben all meinen sonstigen Verpflichtungen noch finanzierbar wäre.

Er überrascht mich in der letzten Unterrichtstunde vor den Ferien. Er will von mir hören, wie es mir mit ihm als Dozent in diesem Jahr ergangen ist. Eine tiefe Verneigung vor seiner Courage.
Ich war ehrlich und sagte das es anfangs etwas schwierig für mich war. Ich war einen sehr ruhigen und strukturierten Ablauf gewohnt. Und das mir die Umstellung auf sein temperament- und kraftvolles Klavierspiel und der mich ständig herausfordernde Unterricht nicht so einfach gefallen ist. Ich soll mir meine Fragen oft selbst beantworten, das sieht er als ein wichtiges Hilfsmittel zur Selbsthilfe an. Stellt so lange unbequeme Gegenfragen bis ich hoffentlich selber irgendwann auf die richtige Antwort komme. Ich muß ihn ab und zu wirklich böse anschauen, was ihm aber, nebenbei gesagt, völlig wurscht ist und ich mir im Endeffekt sparen könnte.
Wenn er mir ein Problem oder ein Thema das wir behandeln, vorspielt, bekomme ich den ganzen Orchestersound mitgeliefert, da höre ich Details gar nicht heraus. Das ist oft schwierig für mich, weil mein musikalisches Hörvermögen nicht so gut ausgebildet ist und ich schnell überfordert bin.
Natürlich bin ich beeindruckt von seinem pianistischen Können, aber isoliert gespielt würde mir das Problem auch reichen.
Seine Persönlichkeit allerdings beansprucht viel Raum um sich und neben solchen Menschen ist meist wenig Platz für mich. 

Er hat mein Resümee recht sportlich genommen. Es war ja auch keine wirkliche Kritik, sondern mehr ein kleiner Eindruck von seinem Verhalten und der Unterrichtsweise. Der sich in der Zeit, in der wir uns trotz der vielen Unterbrechungen etwas besser kennengelernt haben, immer mehr angleichen konnte.
Dafür hat er mir auch eine Aufgabe gestellt. Ich soll mir ein Ziel für das kommende Jahr setzen. Mir ein Stück aussuchen an und mit dem wir arbeiten können. Hah! Keine Ahnung was ich da nehmen sollte. Ich könnte mir aber vorstellen eher kein Lieblingsstück auszuwählen. Nicht das ich das dann nicht hinbekomme und am Ende das Stück nie mehr hören mag.

 

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