März 2021

Endlich. Es gibt wieder Instrumentalunterricht. Ich hab mich so danach gesehnt und wirklich darauf gefreut. Aber vor lauter Freude schon fast Angst davor bekommen. War ja klar, oder etwa nicht?

Mein klassischer Klavierlehrer kommt zu mir nach Hause. Auch er ist sehr sehr froh seine Schüler wieder in persona sehen zu können. Er ist kaum zu bremsen vor lauter Freude und Engagement. Wir verlängern unseren Unterricht jede Woche ein wenig und versuchen auf die Art, die ausgefallenen Stunden aufzufangen.
Ich räume mein Scheitern beim Debussy ein. Das findet er gar nicht schlimm, das Stück ist schon anspruchsvoll. Es wird zu einer anderen Gelegenheit wieder aufgenommen werden. Wir üben das kleine Mozart Ballett. Das kann ich schon schneller spielen und verspiel mich dabei gar nicht oft. Er hat ein ein Notenheft von Dimitri Kabalewsky mitgebracht. Da sind ein paar schmissige und rasante Etüden drin. Sie sind nicht so schwer und die ersten drei Systeme kann ich fast vom Blatt spielen.

Ich habe einem Mitglied aus dem Clavioforum ein paar gebrauchte Notenhefte abgekauft. Nicht das ich dringend welche gebraucht hätte. Habe mir immer noch nicht so viel aus dem Konvolut meiner Großmutter erarbeitet. Aber das Angebot war zu verlockend. Wollte das unbedingt das „Album für die Jugend“ haben. Mein Klavierpädagoge schätzt Schumann sehr und kann diese Stücke sehr gut erklären und vermitteln. Das arme Waisenkind hab ich ja im letzten Sommer schon spielen können. Leider wieder komplett vergessen. Seufz. Das Claviomitglied schrieb, sie legt noch Bachs „Kleine Präludien und Fughetten“ dazu. Ich bin hocherfreut, klein und Bach hört sich für mich immer gut an. Porto erhöht sich deshalb. Ich schreib zurück, ich leg noch was extra drauf, das sich die Mühe fürs Verpacken und der Weg zum Postamt für sie auch wirklich lohnt. Dann kommt das Paket an. Das war wie Weihnachten! Der Schumann ist eine Doppelausgabe, die „Kinderszenen“ sind auch noch drinnen. Von Scott Joplin vereinfachte Ragtimes. Juhu. Ist aber noch zu schwer für mich.  Eine Mozart- und eine Schubert Einzelausgabe. Und von Czerny „Der erste Lehrmeister“ Opus 599.

RRpiano1Mein klassischer Klavierlehrer freut sich ebenso, aus dem Schumann werde ich einiges spielen lernen. Wir starten sofort mit dem ersten Stück daraus. Die vier Takte am Anfang kann ich mir in einem Rutsch erarbeiten. Also die Tonhöhen meine ich. Der ganze Rest, der die Musik ausmacht, ist mir für den Anfang erst mal ziemlich egal. Ich will nur wissen wo die Finger hin sollen.

Das Stück aus dem Schumann heißt schlicht „Melodie“. Die ersten vier Takte gehen nach zwei Wochen Unterricht schon etwas leichter und geschmeidiger. Wir arbeiten uns weiter vor. Es gibt in diesem Stück viele Fingersatzbezeichnungen und mein klassischer Klavierlehrer besteht darauf sie zu beachten. Da tapp ich öfters in die Falle. Und lande mit Finger Nummer 3 auf dem C, und gewünscht wäre doch der Finger Nummer 2. Aber ich glaube, ich lerne das mit der Zeit schon im Gedächtnis zu behalten.

 

Die Etüde von Kabalewsky kann ich auch schon ein bisschen schneller spielen. Aber was noch viel großartiger ist: in diesem Stück sind Pedaleinsätze vermerkt, die ich ab und zu beachten kann. Gelingt mir nicht an jeder Stelle, auch wenn sie sehr regelmäßig auftauchen. Das freut mich ungemein.
System 4 und System 5 ist dagegen ziemlich vertrackt. Die Tonart ändert sich und ich stolpere immer wieder und immer wieder über die selben Noten. Und über die Fingersätze. Fange an wieder etwas ungeduldig mit mir zu sein.

Dann fällt mir ein, das ich ja sehr lange nichts mehr am Klavier gemacht habe. Und das ich mir behutsam wieder eine Art Übe-routine aneignen muß. Die hatte ich eigentlich schon ganz gut drauf. Aber in diesen langen Wochen im Lockdown ohne Einfluss und Impulse der Lehrer bin ich doch ziemlich verloren gegangen. Im ersten Lockdown vielleicht etwas weniger als im zweiten. Aber nun sollte ich mir zugestehen, das ich mich etwas stärker motivieren muss als gewöhnlich. Und mit einem gewissen Nachdruck die Übe-routine zu aktivieren ohne das ich groß drüber nachdenken muss.

So wie ich früher, ohne in Frage zu stellen, einfach meine Läufe durch den Wald absolviert habe. Sobald ich den Fehler begangen habe, darüber nachzudenken, sind Anwandelungen aufgetaucht: Wie wäre es, wenn ich heute mal nicht laufen gehe? Oder einen Blick aus dem Fenster riskierte und dann abgewogen habe ob es nicht vielleicht zu heiß, zu kalt, zu naß oder zu windig zum Laufen wäre? Ohne nachzudenke bin ich gut konditioniert in die Schuhe gestiegen und einfach losgelaufen. Egal, wie das Wetter war.

 

Go to top