Oktober 2020

Instagram ist der Wahnsinn. Habe neben dem Klavieraccount noch einen mit Pflanzen und einen über Kaffee eingerichtet. Man kann sich insgesamt 5 unterschiedliche Zugänge mit einer Telefonnummer eröffnen.

Dieser Pflanzenaccount war der erste, er ist ein recht gemütlicher. Der Kaffee mein bisher letzter und aus einem, mir unerfindlichen Grund, der erfolgreichste. Habe erst 9 Beiträge und schon 100 Follower. Vielleicht aus dem Grund, weil ich so wenig poste. Ich selbst habe schon ein paar von Followern rausgeworfen, weil die jeden Tag oder sogar öfters an einem Tag gepostet haben und mich diese Unruhe genervt hat.

 

Über meinen Klavieraccount veröffentliche ich ab und zu ein kleines Video, in dem ich mich selbst beim Spielen aufnehme. Das ist eine anstrengende Angelegenheit, weil ich in den seltensten Fällen in der Lage bin das Stück in jeder Hinsicht richtig zu spielen. Es sind meist viele Versuche notwendig. So kämpfe ich mich eher schlecht als recht durch und habe am Ende dann doch keine Scheu es hochzuladen.

Ich sehe diese Versuche wie eine Art Therapie für mich. Es ist in einer gewissen Weise wie ein Vorspielen vor Publikum. Vielleicht werde ich dann innerlich ruhiger und stell mich in Zukunft nicht mehr so an. Ich versuche unabhängiger zu werden. Unempfindlicher.

 

Ein paar Namen springen einen dann öfters mal an, man merkt sie sich und schaut auch in deren Accounts rein. Wenn man sich sympathisch ist, folgt man denjenigen und markiert die Beiträge des anderen mit Herzchen. Man kann Kommentare schreiben oder die Beiträge weiterleiten.
Es ist eine grandiose Art und Weise seine Zeit mit nutzlosem Tun zu verschwenden. Es macht aber trotzdem Spaß und ich, in meinem Alter, benehme mich in dieser Welt wie ein Kleinkind in einem Sandkasten. Spiele mit diesem Medium hemmungslos herum.

Es gibt eine junge Frau aus der Türkei die ich gerne mag. Wir schreiben uns ab und zu auch etwas persönliches. Sie lernt schon länger Klavierspielen und ist mit großer Begeisterung und viel Phantasie dabei. Ihre Beiträge sind sorgfältig arrangiert und jedes Mal sehr nett anzuschauen. Einmal hat sie mit ihrer Schwester einen türkischen Schlager als Duett aufgenommen. Die Schwester spielt auf einer Kanun, das ist eine Art Zither. Die Melodie hört sich berückend hübsch an, wenn die beiden sie zusammen spielen.

 

Während meinem Hackbrett-Intermezzo habe ich mir gedacht, ich mache eine „Collab“ mit mir selbst. Nehme mich mit dem Hackbrett auf und gleichfalls auf dem Klavier. Dachte mir das „Hupf umi“ wäre als Projekt dafür gut geeignet. Es gibt Programme da nimmt man sich auf unterschiedlichen Spuren selbst auf und kann dann jede Stimme zusammen mischen.

Leider bin ich nicht gut genug geeignet um mit mir selbst zu spielen. Da sollten die Noten auf beiden Instrumenten bombenfest in ihrer Dauer beachtet werden und das bekomme ich einfach nicht hin.

Hatte meine „Freundin“ gefragt, ob ich die Noten für den Schlager haben könnte. Wollte es wenigsten mal alleine auf dem Klavier spielen können. Sie waren legal herunterzuladen. Mein primavista-spielen alleine hat sich aber nicht sehr ähnlich zu dem Stück angehört.

 

Klar, also ich brauche Hilfe von meinem klassischen Klavierlehrer. Er spielt es: „Ah. Hört sich irgendwie arabisch an“. Ich konnte aber nicht viel Begeisterung in seinem Gesicht entdecken, das Stück ist ihm zu trivial.

 

Ich spiele den Bartok, Schumann, Bach und übe die Terzen im Burgmüller.

In der nächsten Stunde werden die Stücke offiziell als beendet betrachtet. Sie wären gut so! Ich war zwar nicht ganz seiner Meinung, aber vielleicht kann er erkennen das sie zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht besser werden können.

thelittleshepherdDafür holt er das Notenheft „Children's Corner“ von Claude Debussy raus: „The little shepherd“. Ich stolpere und wackle durch das Stück, aber ein paar Takte gehen überraschend gut. „So Claudia, jetzt mal was Neues. Hier hast du etwas leicht arabisch anmutendes.
Ich meinte etwas zaghaft der türkische Schlager wäre aber nur eine Seite lang und ist bestimmt viel leichter als ein Debussy. „Ach, den kleinen Hirten schaffst du! Den kriegst du hin, das weiß ich“. Er ist so ein unverbesserlicher Optimist. Ich bin jetzt notentechnisch einigermaßen bis Takt 12 orientiert. Rhythmisch, wie immer halt, ist es ein Problem für mich.

Der erste Takt fängt mit einer überbundenen Viertelnote an, geht dann irgendwann über in eine Triolle. Nicht ganz trivial zu spielen. Mein Klavierlehrer spielt es mir vor, ich spiele fast richtig nach, will es noch mal spielen, dann stimmts gar nicht mehr. Beim nächsten Mal aber wieder schon, also, es ist noch nicht sicher abrufbar. Das wird ihn als Lehrer sicher noch eine ganze Weile mit mir beschäftigen.

 

Egal. Ich fahre in die Stadt und kaufe mir die Partitur. Henle Verlag. Urtext. Ich kann gar nicht sagen wie stolz ich war, als ich damit zum Bezahlen an der Kasse stand. Etwas richtig großes und anspruchvolles. Nichts von den kleinen Etüden die ich bisher so geübt habe.
Ich hatte das Gefühl ich bin mit dem Erwerben von dieser Notenausgabe plötzlich erwachsen geworden. Der Mensch an der Kasse hat völlig ungerührt mein Geld einkassiert und überhaupt nicht bemerkt das dieser Kauf eine ganz große Sache für mich war!

 

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