September 2020

Wenigstens bleibt mir mein klassischer Klavierlehrer. Es wäre kaum auszuhalten ihn auch noch zu verlieren. Er springt immer beschwingt und munter die Treppen zu mir rauf. Davon allein bekommt man schon gute Laune. Meist fängt er die Stunde so an: "Was möchtest du mir vorspielen?" Eigentlich mag ich freiwillig nie was vorspielen. Am liebsten täte ich 4-händige Diabelli Stücke mit ihm zusammenspielen. Da fühle ich mich gleich von Anfang an bei der Hand genommen, kann mich damit leichter auf ihn einschwingen und synchronisieren. Aber das geht halt grad zur Zeit nicht so gut.

Vorm Einspielen erzähle ich ein wenig von den Stücken die ich geübt habe, was gut klappt und sich verbessert hat, aber auch was mir Schwierigkeiten bereitet hat. Das ist dann der Moment wo er oft in meine Aufzählung rein grätscht und mich auffordert ihm die Stelle doch sogleich vorzustellen. Das habe ich natürlich nicht beabsichtigt und so murkse und stolpere ich erst mal überrascht an den paar Takten herum. Bekomme den einen oder anderen Tip, muß es damit nochmal versuchen. Bin mit der neuen Information normalerweise heftig verwirrt und kann plötzlich gar nichts mehr spielen.

Diese Situation haben wir inzwischen öfters gehabt. Langsam gewöhne ich mich daran und kann schon fast darüber lachen. Oder mir mal vornehmen von einem „Problem“ bei einem Stück zu berichten, wo es de facto aber gar kein Problem gibt.

Aber ich habe erkannt, das ich nach der Stunde die Stelle mit der neuen Information oder Hilfestellung dann doch irgendwie richtiger hinbekomme. Das ist immer ein großartiger Moment.

 

Meine zwei Stücke, die kleine Gasse von Bartok, und die Unschuld von Burgmüller hören sich immer besser an. Der Bartok ist nur 24 Takte lang, Zeitdauer wird mit 28 Sekunden angegeben. Die Noten als solche sind nicht so schwer. Das Problem bei dem Stück sind die Artikulationen. Und der strenge Fingersatz. Es wechselt stark zwischen staccato und einigen portato Tönen hin und her. Dazu gibt es zwischendrin vier Phrasen in denen gebunden gespielt werden soll. Diese schnellen und abrupten Wechsel zu beachten fällt mir schwer.

In den Sommerferien hatte ich mir das Stück im Alleingang notentechnisch für meine Verhältnisse sicher ausgearbeitet. Meine Finger wissen meist ganz gut wo sie hinmüssen. Nur hatte ich für mich die Gasse so aufgefasst das sie recht romantisch klingen soll. Alle Töne schön lang ausgehalten und gebunden. Dann zusätzlich den Wechsel von staccato mit der linken Hand zum staccato mit der rechten Hand nie beachtet. Und bei einem Akkord hatte ich mir angewöhnt immer ein G zu spielen, anstatt dem Wunsch des Komponisten nach ein A zu nehmen. Hat sich irgendwie auch gut angehört, war aber leider verkehrt.

Gut das jetzt ein Profi drüber schaut. Im Endeffekt muß ich mich zwar nun zwingen das Stück fast wieder neu zu erlernen. Verlangsame stark das Tempo um die Artikulationen ins Fingergedächtnis zu bekommen.
Hört sich richtig gespielt halt etwas ruppiger und frecher an. Ehrlich, so richtig kindgerecht finde ich die kleine Gasse aber keineswegs.

 

Beim Burgmüller versuche ich die Terzen ruhig und in gleichmäßigen Tempo zu spielen. Gleichmäßiges Tempo, Claudia!!!

 

pianokerzeVor den Sommerferien meinte mein KL, zur Zeit übst du ja zwei Stücke von Komponisten die mit B beginnen. Wen könnten wir noch dazunehmen? Als er das sagte, habe ich in seinen Augen so ein Beethoven Glitzern entdecken können. Bloß nicht, dachte ich bei mir, wieder diese Romanze, die ich tief unter meinen Notenhefte versteckt habe.
Deshalb habe ich mir in den Sommerferien das Menuett in G von Bach selbstständig erarbeitet. Rhythmisch stimmt's wahrscheinlich hinten und vorne nicht; wie immer halt.

Mein Plan war folgendermaßen: wenn ich das Menuett schon fast sicher kann und mich darin auskenne, hat er nur die halbe Arbeit mit mir und vergisst die B-Idee. Ist mit dem Bach vielleicht auch zufrieden.

Ich war sogar so verrückt, das ich eine Art Tagebuch vom Lernprozess auf Instagram angekündigt habe. Veröffentliche so alle 2, 3 Wochen ein neues Video mit der Veränderung auf meinem Klavieraccount. Habe ganz offen das Video mit der Info eingeführt, das ich es ohne korrigierenden Einfluss eines Lehrers einübe. Nicht das man denkt, was hat die bloß für einen unfähigen KL, so wie die erkenn- und hörbar rumstümpert.

Oh. Das Aufnehmen ist nervenzerfetzend. Sobald ich weiß, ich filme mich, werde ich nervös und unkonzentriert. Verspiele mich schon im dritten Takt. Aufhören zu spielen. Aufnahme stoppen. Anschauen. Löschen der Aufnahme. Neu starten und beten das es diesmal klappt. Linke Hand bereits auf die Noten vom ersten Akkord legen, mit der rechten das Filmen starten. Mist, nicht das D erwischt, es war das dumme E. Das ganze Prozedere nochmal von vorne. Es sind viele Versuche notwendig, bis ich einen Teil dann endlich richtig im Kasten habe.
Das Nette mit den Klavierafficionados auf Insta aber ist: sie sind wirklich lieb mit ihrer Kritik. Lobende Bemerkungen und ermunternde Parolen. Selbst diejenigen, die für meine Ohren richtig gut spielen können, sind sich nicht zu schade, freundliche Kommentare unter meine Videos zu schreiben.

Ich für mich, muß noch eine ganze Weile gepampert werden! Bis das Selbstbewußtsein stärker und belastbarer geworden ist.

 

Ich bin ganz verliebt in das Menuett. Beim Einüben war ich sehr behutsam mit mir. Habe mich nur dran gesetzt, wenn ich nicht gestresst war. Habe mir beim Erarbeiten untersagt, wütend auf mich zu werden wenn ich mich verspiele. Wenn ich dann zu oft falsch gespielt habe, und dabei war eine Grenze zu überschreiten, (so richtig habe ich mich nicht immer unter Kontrolle) sofort mit dem Üben aufgehört.

Wollte das kleine Werk rein halten. Bin überraschenderweise auf diese Art und Weise durch das Stück gekommen. Als ich das erste Mal so gut wie fehlerfrei gespielt habe, mußte ich fast weinen vor Dankbarkeit. Und war gleichzeitig so froh. Meine erste Begegnung mit Bach.

 

Bevor ich aber nun zu weihevoll werde. Ein kleiner Hinweis unter den aufmerksamen Kommentaren bei Instagram erwähnt den Namen Christian Petzold als Tonsetzer. In meiner Ausgabe des Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach vom Wiener Urtext steht er tatsächlich auch drinnen. Nur hatte ich zum Einstudieren das antiquarische Hefterl von Richard Krenzlin: „Einführung in die Klassiker“ aus dem Hause meiner Großmutter genommen. Da steht halt Bach noch als Komponist drinnen. Nun, die Musikforschung ist heutzutage ein ganzes Stück weiter gekommen.

 

Mein Klavierpädagoge hat meinen Versuch sehr enthusiastisch honoriert. Einzig das Tempo wäre dem anzugleichen wie es denn im Heft steht.

 

Aber Tatsache ist nun, das ich mich immer noch als bachjungfräulich betrachten darf.

 

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